01 Mär

François und die Turteltauben

Geschrieben von Mir­jam Teitler

Was wäre, wenn François Hol­lande Schweizer wäre? Ein­fach: die Auser­wählte, mit der er wilde Nächte geniesst, hiesse nicht Julie Gayet, son­dern etwa Bar­bara Moser. Und die Filme, in denen sie mit­spielte, hät­ten nicht so ver­führerische Titel wie «Un baiser s’il vous plaît», son­dern vielle­icht «Missen-​Massaker». Hol­lande müsste sich auch nicht in einer Under­cov­er­mis­sion auf der Vespa durch Metropolen schlän­geln, son­dern kön­nte sich im Schat­ten der Berner Lauben herum­drücken. Bekäme ein «Blick»-Reporter den­noch von seinen nächtlichen Aus­flü­gen Wind, wür­den diese aber auch hier die Titel­seiten der Klatsch­presse füllen. Bes­timmt würde sich auch der Schweizer Mag­is­trat bald auf seine Pri­vat­sphäre berufen, Aus­sagen zur Affäre ver­weigern und mit rechtlichen Schrit­ten dro­hen. Hüben wie drüben stellt sich aber die Frage, ob sich ein Poli­tiker in einem solchen Fall tat­säch­lich auf seine Pri­vat­sphäre berufen kann.

Klar: grund­sät­zlich steht jeder Per­son auch Poli­tik­ern der Schutz des Pri­vatlebens zu. Ein­griffe müssen sie sich nur gefallen lassen, wenn die Enthül­lun­gen mit ihrer poli­tis­chen Funk­tion zusam­men­hän­gen und diese deshalb von öffentlichem Inter­esse sind. Das lässt sich bei nächtlichen Eska­paden nun schw­er­lich begrün­den ausser sie wären so lei­den­schaftlich, dass sie dem Volksvertreter sämtlichen Schlaf rauben und deshalb seine Regierungs­fähigkeit hem­men. Das ist wohl eher sel­ten der Fall, weswe­gen Hol­lande sich (auch als Schweizer) weder öffentlich recht­fer­ti­gen noch eine intime Berichter­stat­tung tolerieren müsste.

Bun­desrat Hol­lande und seine Moser dürften also unbe­wegte Miene zum bewe­gen­den Spiel machen und warten, bis der medi­ale Sturm vor­beige­zo­gen ist.

Anders sähe es bloss aus, wenn Hol­lande US-​amerikanischer Präsi­dent wäre. In Amerika kön­nten seine nächtlichen Amüse­ments näm­lich dur­chaus Anlass für ein Amt­sen­the­bungsver­fahren sein.

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